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Ideenwettbewerb – Intervention am Gebäude der Finanzbehörde, Bozen, Italien; mit Maria Huber

 

MANIFEST

die forderung nach reflexiver partizipation,
die erkenntnis im sinn hat.
ein streben nach einer ständigen initialzündung für
selbstreflexionen
im bewusstsein der eigenen geschichtlichkeit, sodass
individuelle erkenntnisse und erfahrungen
in (massen)kommunikative prozesse eingebracht werden können,
um schließlich als mögliche, stets zu aktualisierende
handlungsorientierungen
zu dienen, denn

nicht jeder faschismus hat das gesicht mussolinis.

 

SPACE IN BETWEEN

Über die Jahrtausende hinweg fungiert das Bild neben dem Text als eigenständiges Medium der Gedächtniskultur. Mit seiner direkten visuellen Prägnanz hat es an der Formierung des Denkens und des Erinnerns entscheidend mitgewirkt.
Dies belegen seit der Antike Kunstwerke, welche von den unterschiedlichsten Machtsystemen in Auftrag gegeben wurden, sei es von Monarchien, Diktaturen oder von der Kirche (biblia pauperum). Sie veranschaulichen abstrakte Glaubensinhalte, Machtverhältnisse und historische Ereignisse. Die Zeit hat diese zu  einer Ikonographie von Urbildern verdichtet, die bis heute das kollektive und insbesondere das kulturelle Gedächtnis prägen.
Hans Piffraders, von Benito Mussolini 1939 in Auftrag gegebene monumentale Relief steht ganz in dieser Tradition.

 

CASA DEL FASCIO

An der “casa del fascio” am Gerichtsplatz in Bozen angebracht, verherrlicht es in allegorischer Weise den zwanzigsten Jahrestag der faschistischen Machtergreifung. Piffraders Arbeit steht somit exemplarisch für die Instrumentalisierung des öffentlichen Raumes und des öffentlichen Lebens.
Die Intervention space in between besteht aus einer Spiegelfläche, die dem historischen Relief vorgelagert wird. Dadurch werden zwei neue Räume geschaffen: Der neue öffentliche Raum und das Museum der Zukunft. Der öffentliche Raum wird nicht mehr von einem Despoten indoktriniert. Der Spiegel stellt den wahren demokratischen Souverän dar – das Volk. Die Fremdbestimmung wird zur Selbstbestimmung.
Durch die ihm innewohnenden Eigenschaften, eignet sich der Spiegel insbesondere als eine temporäre Bildfläche, die sich stets aktualisiert und die unmittelbare Gegenwart wiedergibt. Der Bildinhalt ist variabel und situationsabhängig. Die einzige Stabilität im Bild ist durch das gegenüberliegende Gerichtsgebäude  mit dem Relief der “IVSTITIA” gegeben, das als Metapher für Eigenverantwortung und Gerechtigkeit im Zentrum steht. Der Spiegel symbolisiert darüber hinaus Selbsterkenntnis und Wahrheit.

MUSEUM DER ZUKUNFT

Im neu geschaffenen Raum zwischen dem historischen Relief und der Spiegelfläche steht der Diskurs im Mittelpunkt. Einerseits wird ein musealer Ort geschaffen, der Piffraders Arbeit konserviert und gewissermaßen ausstellt, andererseits wird aber der gängigen, institutionalisierten Erinnerungspraxis, die Eindeutigkeit und Abgeschlossenheit der Geschichte voraussetzt, Ambivalenz und Offenheit entgegengesetzt. Dass der Inhalt des Reliefs, die Verherrlichung des Faschismus, nicht als vergangenes Phänomen zu betrachten ist und sich auch nicht nur auf die Geschichte Italiens bezieht, wird durch den Schriftzug “Nicht jeder Faschismus hat das Gesicht Mussolinis”, der in 25 verschiedenen Sprachen auf der gegenüberliegenden Medienwand dargestellt wird, unterstützt. Das Relief wird somit in die Gegenwart überführt und fordert vom Betrachter Reflexion und eine kritische Hinterfragung der Geschichtsschreibung ein.

Unabhängig unserer Herkunft, unserer Sprache, unserer Kultur sind wir niemals gefeit vor dem Verlust unseres souveränen Status. Demnach ist der Verlust der Demokratie, in welchen Skalen er sich auch vollziehen mag, eine Gefahr für jedes Volk in jeder Zeit. Die bloße Betrachtung vergangener und abgeschlossener Faschismen ist kein geeignetes Instrumentarium, die Zeichen einer sich auflösenden Demokratie zu erkennen.